„Besser eine Hand voll mit Ruhe als beide Fäuste voll mit Mühe und Haschen nach Wind.“ (Kohelet 4,6) – Monatsspruch September 2026
Auf Borkum bringt mir Andi das Buddelschiffbauen bei. Winzige Segel durch einen schmalen Flaschenhals fädeln. Masten aufrichten, die eben noch flach im Rumpf lagen. Fäden ziehen, ohne dass etwas reißt oder bricht. Meine Finger zittern. Andi bleibt ruhig. „Nicht drücken“, sagt er. „Führen.“
So eine ruhige Hand braucht es bei kleinen, fummeligen Dingen. Ich hab schon einige Buddelschiffe gebaut seither. Sie braucht es aber genauso bei den großen Aufgaben. Zum Beispiel beim beträchtlichen Wandel, der gerade durch unsere Landeskirche geht. Dekanate werden zusammengelegt, Pfarrstellen zu Teams umgebaut, Gebäude aufgegeben. Vieles, was jahrzehntelang selbstverständlich war, steht plötzlich zur Disposition.
Manche ballen jetzt die Faust. Sie kämpfen um jede Stelle, jedes Gebäude, jede vertraute Struktur. Verständlich, aber am Ende zermürbend. Andere setzen auf ein „Budget of Hope“: „Es wird schon alles nicht so schlimm kommen, warten wir es einfach ab“. Auch das hilft nicht weiter. Nicht die geballte Faust. Nicht das hoffnungsvolle Wegschauen.
Gottes Geist weht, wo er will. Er lässt sich nicht fassen, nicht erzwingen, nicht einfangen. Wer nach ihm hascht wie nach Wind, hat am Ende nur die Fäuste voll heiße Luft. Schon der Prophet Elia musste das am Berg Horeb lernen. Er wartet auf Gott im Sturm, im Erdbeben, im Feuer. Doch Gott begegnet ihm erst im „stillen, sanften Sausen“ (1. Könige 19,12). Gott ist da. Nicht im Getöse. Sondern in der Stille.
Was bleibt, ist die ruhige Hand. Nicht tatenlos. Nicht gleichgültig. Sondern wach und bedacht. Jeder noch so kleine Schritt in die richtige Zukunft verdient einen zweiten Blick, bevor er getan wird. Kein Schritt im Blindflug. Kein Sprung ins Ungewisse, nur weil alle rennen.
Beim Buddelschiff entscheidet die ruhige Hand, ob das Schiff im Flaschenhals zerbricht oder heil ankommt. Bei unserer Kirche entscheidet sie, ob wir den Wandel gestalten oder er uns überrollt. Beides braucht Zeit. Geduld. Und den Mut, nicht jeder Aufregung sofort nachzugeben.
Ich übe mich in dieser Ruhe. Nicht immer gelingt sie mir. Manchmal balle ich selbst die Faust, will festhalten, was mir lieb geworden ist. Dann erinnere ich mich an Andi und seine Buddelschiffe. An seine ruhige Hand am schmalen Flaschenhals. Und daran, wie viel mehr sie erreicht als jeder Kraftakt.
Wer den Wind einfangen will, öffnet am Ende doch nur die Faust und lässt ihn ziehen. Was bleibt, ist die eine Hand voll Ruhe. Und die reicht.
Vielleicht ballen auch Sie gerade die Faust. Um eine Kündigung, eine Beziehung, die zerbricht. Oder Sie warten mit verschränkten Armen ab, dass sich schon alles fügt. Beides kostet Kraft, ohne dass es weiterhilft. Öffnen Sie stattdessen die Hand. Nicht um loszulassen, was Ihnen wichtig ist. Sondern um Platz zu schaffen für das, was wirklich trägt.
Dekan Andreas Rummel