Am höchsten protestantischen Fest durchdringen diese beiden Worte die Dunkelheit des Kreuzes und die Schatten des Alltags: Liebe und Versöhnung.
Sie sagen sich so leicht, diese Worte. Und sind so schwer in Einklang zu bringen mit dem Leben. Wie schwer es fällt, im Alltag die Balance zu halten! In der Familie, wo Aufgaben drängen und Zeit für Zweisamkeit oder unbeschwerte Momente mit den Kindern fehlt. In Erbstreitigkeiten, die Familien für immer entzweien. In der Schule, wo Lehrerinnen und Schüler sich nerven, Schülerinnen sich gegenseitig piesacken oder der Druck von Noten und Hausaufgaben lastet bis endlich der Schulabschluss geschafft ist. Im Vereinsleben, wo Neid und Missgunst statt Dankbarkeit für das Ehrenamt herrschen. In der Nachbarschaft, wo wir uns um Kleinigkeiten streiten oder nicht einmal mehr wissen, wer nebenan wohnt. Am Arbeitsplatz, wo wir uns behaupten müssen. In einer Gesellschaft, die mit Ellenbogen kämpft, in der Gerichte überflüssige Streitigkeiten klären und die Verfahren dabei Unsummen verschlingen. Oder in der Politik, wenn der Fraktionszwang über der Vernunft steht. Sprachlos blicken wir heute wieder auf Kriege, die ohne Plan beginnen und sinnlos Menschenleben zerstören.
Liebe und Versöhnung gelten in dieser Welt als Schwäche, doch sie sind und bleiben zentral am Karfreitag für die gesamte Christenheit. Gott zeigt in Jesus Christus am Kreuz seine Liebe und Versöhnung. Das klingt paradox. Wir sind geliebt und versöhnt, obwohl wir es nicht verdienen und oft nicht danach leben. Dieser Widerspruch ist schwer auszuhalten: Sünder und Gerechte zugleich, wie Martin Luther es sagte.
Ich glaube daran: Karfreitag und Ostern verändern alles. Aus Schwäche wird Stärke, aus Ohnmacht Allmacht, aus Sterben Leben, aus Feindschaft Freundschaft, aus Hass Liebe und aus Zwietracht Versöhnung.
Liebe und Versöhnung lassen sich jedoch nicht befehlen. Wir können nur darum bitten: „Lasst euch versöhnen mit Gott!“ Nehmt Gottes Liebe an! Sie ist verschwenderisch – ausgeschüttet wie das Salböl der namenlosen Frau in Bethanien. Wie Jesus müssen wir solche Liebe an uns geschehen lassen.
Wenn wir aus dieser Liebe und Versöhnung leben, wird uns das verändern. Wir werden zu dem, was wir in Gottes Augen bereits sind: Versöhnte, die aus innerem Frieden heraus lieben und versöhnen – über alle Grenzen hinweg. Diese Wahrheit leuchtet im Elend des Kreuzes auf und bleibt auch nach 2.000 Jahren aktuell. Sie fordert uns täglich dazu heraus, als Christinnen und Christen zu leben. Möge Gott uns die Kraft schenken, aus der Liebe und Versöhnung zu leben, die wir durch ihn erfahren.
Diese von Krieg und Gewalt zerrissene Welt braucht sie so sehr: Liebe und Versöhnung! „So bitten wir nun an Christi Statt: Lasst euch versöhnen mit Gott!“ Damit auch wir unseren Teil zum Frieden beitragen und zu Protestanten gegen den Tod werden.
Eine gesegnete Osterzeit wünscht
Dekan Andreas Rummel