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Predigt beim ökumenischen Gottesdienst am Fest der Demokratie

01.06.2026 Dekanat Neustadt a.d.Wstr. Erstellt von Andreas Rummel

Demokratie läuft … dank Dir!

Kirchenpräsidentin Dorothee Wüst im Gespräch mit Ministerpräsident Gordon Schnieder. An der Kamera: Mary Schellhaas. Foto: Andreas Rummel

Kirchenpräsidentin Dorothee Wüst im Gespräch mit Ministerpräsident Gordon Schnieder. An der Kamera: Mary Schellhaas. Foto: Andreas Rummel

Predigt beim ökumenischen Gottesdienst am Fest der Demokratie am 31. Mai 2026 in Neustadt an der Weinstraße

1. Korinther 12 – übertragen auf die Demokratie

Paulus würde schreiben:

„Wie die Demokratie eine ist und doch aus Millionen Menschen besteht – aus Amtsträgern und Nachbarinnen, aus Verwaltungsangestellten und Ehrenamtlichen, aus denen, die reden, und denen, die zuhören – so sind wir alle durch den gemeinsamen Willen zur Freiheit und Verantwortung zu einer Gemeinschaft verbunden. Einheimische und Zugezogene. Jung und Alt. Arm und Reich. Wir alle sind von einem Geist des Zusammenlebens getragen.

Denn auch die Demokratie besteht nicht nur aus einer Stimme und einem Amt. Die Reinigungskraft im Rathaus ist nicht weniger Teil davon als der Oberbürgermeister. Der Hausmeister ist nicht weniger Bürger als der Stadtrat. Wenn die ganze Demokratie nur aus Regierenden bestünde – wo blieben dann die Bürgerinnen und Bürger? Wenn alle nur Ordnungshüter wären – wo blieben dann Lehrerinnen, Pflegekräfte, Handwerker, Buchhalter?

Nun aber gibt es viele Aufgaben. Das Gemeinwesen aber ist eines. Der Oberbürgermeister kann nicht sagen zum Hausmeister: Ich brauche dich nicht. Und der Stadtrat nicht zur Bürgerin: Deine Stimme zählt nicht. Vielmehr gilt: Gerade die Menschen, die selten gesehen werden, sind oft die wichtigsten. Denen, die nicht im Scheinwerferlicht stehen, sollen wir besondere Achtung schenken.

Denn Demokratie lebt nicht nur von großen Reden. Sie lebt von denen, die täglich ihren Dienst tun. Die wählen gehen. Die zuhören. Die helfen. Die das Zusammenleben tragen.

Wenn eine Gruppe benachteiligt wird, leiden alle mit. Und wenn Menschen Anerkennung erfahren, darf sich die ganze Gemeinschaft mitfreuen.

Ihr aber seid gemeinsam diese Demokratie. Und jede und jeder von euch hat darin seinen unverzichtbaren Platz.“

Predigt

Mai 1832 – Der Hambacher Schlossberg

Ich stelle mir vor: Mai 1832. Der Hambacher Schlossberg. Dreißigtausend Menschen. Es ist warm, und viele sind tagelang zu Fuß hierher gelaufen – aus der Saarpfalz, aus Baden, aus der ganzen deutschen Kleinstaaterei. Ja, aus ganz Europa. Sie tragen schwarz-rot-goldene Fahnen, die noch gar keine offizielle Bedeutung haben. Und sie rufen nach Freiheit. Nach Einheit. Nach einem Deutschland, in dem die Menschen etwas zu sagen haben.

Dreißigtausend Menschen. Viele davon waren arm. Viele hatten kaum zu essen. Andere waren Intellektuelle und politisch aktiv. Sie kamen alle. Weil sie glaubten: Es kann anders werden. Es muss anders werden. Demokratie läuft – aber damals noch nicht. Sie musste erst erkämpft werden.

Macher gesucht – oder Mitträger?

Heute stehen wir auf dem Marktplatz. In einer stabilen Demokratie. Mit freien Wahlen, Gewaltenteilung, Pressefreiheit. Das ist alles andere als selbstverständlich. Und trotzdem: Es ist merkwürdig geworden. Viele ziehen sich zurück. Der Ton in der Gesellschaft wird rauer. Das Vertrauen kleiner. Manche sagen: Demokratie ist gefährdet – und ziehen „frei und einig“ zum Schloss unter dem Deckmantel der Demokratie und Meinungsfreiheit, um das Kaiserreich wieder herzustellen.

Manche sagen: Demokratie ist schwach.

Aber Demokratie ist nicht schwach. Sie ist anspruchsvoll.

Denn Demokratie bedeutet: Ich muss aushalten, dass andere anders denken. Ich muss zuhören lernen – auch wenn es wehtut. Ich muss Kompromisse suchen – auch wenn ich glaube, recht zu haben. Ich muss akzeptieren, dass Freiheit immer auch Verantwortung bedeutet. Meine Freiheit endet dort, wo sie die Würde anderer verletzt.

Das ist nicht bequem. Aber es ist das Gegenteil von Schwäche. Es ist die Stärke wahrer Demut, mich als Teil des Ganzen zu verstehen.

Das Bild des Paulus

Paulus schreibt an die Gemeinde in Korinth. Keine leichte Gemeinde – zerrissen, streitlustig, voller Eitelkeiten. Er beschreibt ihr in seinem Brief, was Gemeinschaft heißt: ein Körper, viele Glieder. Keines wichtiger als das andere. Keines entbehrlich.

Wir haben dieses Bild heute in die Sprache der Demokratie übersetzt. Und der Übersetzung stimme ich zu: Der Hausmeister im Rathaus ist so unverzichtbar wie der Stadtrat. Die Pflegekraft so wichtig wie der Bürgermeister. Die Bürgerinnen und Bürger – jede und jeder, der wählen geht, der zuhört, der mithilft, der widerspricht – sie sind das Herz der Demokratie.

Paulus sagt: Wenn ein Glied leidet, leiden alle mit. Das gilt auch für uns als demokratische Gemeinschaft. Wenn Menschen Angst haben, wenn Minderheiten bedroht werden, wenn Vertrauen zerbricht – dann leidet das Ganze. Auch dann, wenn es uns persönlich gerade gut geht.

Freiheit pflanzen

Das Motto dieses Gottesdienstes lautet: Demokratie läuft … dank Dir! Es klingt leicht. Ist aber schwer. Denn es stellt eine Frage, die ich mir selbst stellen muss: Was tue ich eigentlich?

Ich kann wählen gehen – oder es lassen.

Ich kann zuhören – oder nur reden.

Ich kann mich ehrenamtlich engagieren – oder mich beschweren, dass andere es nicht tun.

Ich kann jemandem, dem Unrecht geschieht, beistehen – oder wegsehen.

Für uns Christinnen und Christen ist das keine Frage der Politik. Es ist eine Frage des Glaubens. Denn wer glaubt, dass jeder Mensch Gottes Ebenbild trägt, kann nicht gleichgültig sein, wenn Menschenwürde verletzt wird. Hass ist nicht christlich. Ausgrenzung ist nicht christlich. Und Gleichgültigkeit ist es auch nicht.

Freiheit pflanzen, das Motto dieses Wochenendes – das ist das Bild, das mir gefällt. Freiheit wächst nicht von allein. Sie braucht Pflege. Geduld. Mutige Menschen. Und sie braucht Wurzeln. Eine dieser Wurzeln ist für mich der Glaube: der Glaube, dass das Leben mehr ist als Eigennutz und Ellenbogen. Dass Gemeinschaft möglich ist. Dass Versöhnung möglich ist. Dass die Welt sich ändern kann – zum Guten.

Genau das haben 1832 dreißigtausend Menschen geglaubt, als sie auf diesen Schlossberg gestiegen sind. Mit leeren Mägen, aber vollem Herzen und voller Zuversicht.

Vielleicht beginnt es heute ganz klein. Im Gespräch über den Gartenzaun mit dem Nachbarn, den wir nicht mögen. Im Einsatz für die, die übersehen werden. Im ehrlichen Streit, bei dem beide danach noch miteinander reden. Im Zuhören, das mehr kostet als Reden.

Demokratie läuft. Dank Dir. Dank Euch. Dank uns allen. Amen.

Dekan Andreas Rummel

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